Freitag, 19. September 2014

Brigitte Gmach in der Türmerstube


Brigitte Gmach ist für eine Woche in die Türmerstube der Johanniskirche gezogen. Die Künstlerin aus Österreich zeigt hier ihre Engel, will schreiben, eine Himmelsleiter knüpfen - und den Menschen begegnen.
Canonical URL
   
Brigitte Gmach bei ihrer Arbeit an der Himmelsleiter im Türmerstübchen der Saalfelder Johanniskirche. Foto. Sabine Bujack-BiedermannBrigitte Gmach bei ihrer Arbeit an der Himmelsleiter im Türmerstübchen der Saalfelder Johanniskirche. Foto. Sabine Bujack-Biedermann
Saalfeld. Sie ist mit leichtem Gepäck gekommen. Ein kleiner Rucksack reicht Brigitte Gmach (71) bei ihrem Einzug am vergangenen Samstag ins Türmerstübchen. Und ein großer Beutel, der das Wichtigste enthält für eine Woche 60 Meter hoch über dem Saalfelder Kirchplatz: eine Rolle Zigarettenpapier im Durchmesser von einem reichlichen halben Meter.
Als sie vor zwei Jahren das erste Mal in der Johanniskirche stand, war die Künstlerin aus Österreich begeistert - von der Schönheit des Gotteshauses und von der Tatsache, dass Caspar Aquila, ihr Vorfahr, hier der erste Superintendent war. "Ein Freund Luthers, das ist doch was!" Der leichten Selbstironie in der Stimme der kleinen Frau ist anzumerken, dass sie auf diese Verwandtschaft allein nicht stolz ist. Aber die Lehrerin, die später Keramikerin wurde und sich schließlich dem Papier als künstlerischem Ausdrucksmittel verschrieb, erhält über den Besuch in Saalfeld Kontakt zum weit verzweigten Clan heutiger Nachfahren von Caspar Aquila, die regelmäßig in Saalfeld ­zusammenkommen.
Bei diesem Familientreffen vor einem Jahr entsteht die Idee der Türmerin auf Zeit. Die Bedenken von Pfarrer Hansjürgen Dehne: "Wie wollen Sie denn zu Brötchen kommen?" wischt die Praktikerin weg: "Indem ich die Stiege wieder hinunter gehe." Sie schmiedet Pläne, wie sie die Woche in der Türmerstube, die zuletzt vor über 80 Jahren bewohnt war, künstlerisch füllen kann.
Deshalb hat sie nun das Papier mitgebracht - getragen über den eben eröffneten Lutherweg, denn die letzten Etappen auf ihrer Anreise aus dem heimischen Breitenbach in Tirol ist Brigitte Gmach - wie einst Luther und Aquila - gelaufen: von Sonneberg bis Saalfeld. Aus dem Zigarettenpapier, das zu einer Schnur verdreht wird, häkelt sie eine Himmelsleiter. Sie hat eine Vision: Engel steigen hinab zu den Menschen, holen sich ihre Lebensgeschichten und bringen sie - verändert - aus der Höhe wieder herab: "Diese erneuerten Geschichten sind die Wahrheit", sagt sie und hofft, dass die Menschen sie annehmen "für ihr Leben in der Wirklichkeit."
Doch die Wirklichkeit in Saalfeld heißt zunächst Bierfest, das sie beim Tagebuchschreiben stört. Also geht sie hinunter, setzt sich dazu, hört zu, was die Menschen erzählen, lernt einen Schausteller kennen und einen Rollstuhlfahrer. Am Montag ist sie bei der Demonstration gegen Rechtsradikalismus dabei und spricht "die schwarzen Kapuzenjungen" an, überzeugt, das seien die Rechten, und überrascht, dass die sich der anderen Seite zuordnen. "Niemand hat ganz Unrecht und niemand ganz Recht", ist sie überzeugt, als sie wieder auf den Turm steigt, um weiter an der Himmelsleiter zu arbeiten.
Am Mittwoch liest Brigitte Gmach in der Abendmotette zwischen Orgelstücken aus ihren Texten, zum Teil gewidmet den elf Engeln, die sie geformt hat aus Fliespapier, Schicht um Schicht aufgebaut, mit Farben und Bindemittel haltbar gemacht. Sie hat sie von einer Ausstellung in Arnstadt in die Johanniskirche holen lassen.
Die Himmelsleiter wächst nicht so schnell, wie sich das Brigitte Gmach wünscht, Besuche und Einladungen halten sie ab von der Arbeit. Doch im Tagebuch stehen Geschichten über Geschichten. Daraus will sie am Sonntag, am Tag des offenen Denkmals lesen, unter ihren Engeln und der kurzen Himmelsleiter, die aus dem Fenster der Türmerstube wehen wird.
Dann wird sie gehen mit leichtem Gepäck. Die Engel sollen in der Kirche bleiben, vielleicht versteigert werden, für einen guten Zweck. Das restliche Zigarettenpapier lässt sie auch da, vielleicht dreht und häkelt jemand weiter an der Leiter. "Was soll ich noch mit dem Papier", fragt die Türmerin auf Zeit, "es muss doch weiter gehen."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen